„Mentaltraining ist wie Konditraining für den Kopf“

13. Juni 2016, 16:26

„Mentaltraining ist wie Konditraining für den Kopf“

Mentaltrainer und Sportpsychologe Alain Meyer

Alain Meyer leitet das Mentaltraining in der Swiss Tennis Academy.

Die Bedeutung der mentalen Stärke nimmt im Leistungs- aber auch im Breitensport stetig zu. Im Rahmen dieser Entwicklung wird nun in der Swiss Tennis Academy in Biel ein erstes Tenniscamp mit Schwerpunkt Mentaltraining durchgeführt. Alain Meyer, Sportpsychologe und Mitorganisator des Camps, erklärt, warum Mentaltraining keine Zauberei ist und was mentale Stärke mit Sauerstoffmasken im Flugzeug zu tun hat.

Der ehemalige Profi-Fussballtorhüter Alain Meyer (39) verfügt über einen Master-Abschluss in Sportpsychologie und Coaching. Seit sieben Jahren betreut er als Mentaltrainer die Jungprofis des FC Basel, die auf den Sprung in die erste Mannschaft hoffen. Der passionierte Tennisspieler betreut in seiner Tätigkeit als Sportpsychologe mit eigener Praxis in Biel vor allem AthletInnen aus den Sportarten Fussball, Tennis, Schwimmen und Eishockey. Ab Juli 2016 leitet er das erste öffentliche Mentaltraining-Camp der Swiss Tennis Academy auf dem Gelände des Nationalen Leistungszentrums in Biel. Willkommen sind alle Tennisspielenden, die R4 oder besser klassiert sind.

Alain Meyer, Sie sind Sportpsychologe beim FC Basel und haben dort viele der aktuellen Jungstars, wie z. Bsp. Breel Embolo, als Mentaltrainer betreut. Wie muss man sich Ihre Aufgabe dort vorstellen und unterscheiden sich Sportarten bezüglich der Anforderungen ans Mentaltraining?

Beim FC Basel hat man vor einigen Jahren entschieden, dass man dem mentalen Teil des Sports mehr Aufmerksamkeit widmen will und dass bei jedem Spieler neben Technik, Taktik und Kondition auch viel Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung gelegt werden soll. Die Junioren besuchen regelmässig Teamsitzungen bei mir. Das Ziel ist, dass jeder Nachwuchsspieler, der Profi wird, ein breites Wissen über die Wirkung von Mentaltraining hat und es auch einzusetzen weiss.
Die psychologischen Mechanismen sind in jeder Sportart dieselben. Was ändert ist einzig der Kontext. Natürlich kann man sagen, Fussball sei im Gegensatz zu Tennis ein Teamsport und deshalb anders. In meiner Arbeit mit dem FC Basel habe ich aber gemerkt, dass man im mentalen Bereich auch einen Fussballer zuerst als Einzelsportler betrachten muss und die Handlungsfähigkeit jedes Einzelnen gewährleisten muss, bevor ich mit dem eigentlichen Teamentwicklungsprozess starte und mich auf gemeinsame Ziele, gegenseitiges Vertrauen, Rollendefinition und teamförderliches Verhalten konzentriere. Denn ist ein Einzelner nicht handlungsfähig, dann kann er auch kaum für ein Team da sein. Ein anderes Beispiel: in der Luftfahrt wird einem immer erklärt, dass man im Notfall zuerst seine eigene Sauerstoffmaske anzieht, bevor man jemandem anderen hilft. Und ich kann nur für andere da sein und helfen, wenn es mir gut geht.

Wie definieren Sie „mentale Stärke“?

Meine 10 Jahre Praxiserfahrung haben mich gelehrt, dass jemand, der mental stark ist – egal in welchem Sport – in schwierigen Situationen eine passende Antwort findet, also über eine sogenannte Bewältigungsstrategie verfügt. Das heisst, dass diese Person ein Gefühl für die Kontrolle einer Situation entwickelt hat. Wenn Sie über etwas die Kontrolle verlieren, dann wissen Sie oft nicht, was denn nun der nächste Schritt sein soll. Und genau das versuchen wir im Mentaltraining anzugehen: Handlungspläne, oder auch „Wenn, dann…“-Pläne zu entwickeln, die man in schwierigen Situationen abrufen und umsetzen kann um so die Kontrolle über die Situation zu behalten oder wiederzufinden.
Ein Beispiel: Wenn ich weiss, dass ich jeweils vor dem 2. Aufschlag sehr nervös werde, brauche ich etwas, das mich in dieser Situation beruhigt. Ich stelle mich im Vorfeld dieser „Schwäche“ und erstelle ein „Wenn, dann“-Szenario:  „Wenn ich jeweils vor dem 2. Aufschlag nervös werde, dann mache ich….“ Wenn man im Voraus einen Plan hat, dann hat man auch in schwierigen Situationen eine Antwort parat, die das Kontrollgefühl wieder herbeiführen kann.

Was kann Mentaltraining bewirken und was kann es nicht?

Schwierige Situationen sind die Realität für jeden von uns. Jeder hat mal einen schlechten Tag oder steht unter Druck. Wenn das öfters vorkommt, dann sollte man sich schon vorher ein Verhalten überlegen, wie man das nächste Mal in dieser Situation reagieren will. Das ist das klassiche Mentaltraining: die eigenen Qualitäten kennen, sich bewusst werden, wie man sie einsetzen kann. Und auf dieses Wissen kann ich in schwierigen Situationen zurückgreifen. Ich habe also dank des Mentaltrainings Werkzeuge zu Hand, die mir in schwierigen Momenten Sicherheit geben. 
Ist man unter Druck geht die neutrale Sicht auf die eigenen Qualitäten oft verloren. Muss jemand einige Niederlagen hintereinander einstecken, dann fokussiert sich die Erklärungssuche sehr oft auf die eigenen Schwächen oder auch Dinge, die man gar nicht beeinflussen kann (Gegner, Wetter, Umfeld etc). Mentaltraining heisst für mich nicht, durch eine rosarote Brille und plötzlich ist alles wieder gut, sondern man schaut, was ist vorhanden, was funktioniert, was nicht. Ein Spieler soll sich niemals über die schlechte Leistung im letzten Match definieren, sondern auf das Positive der vergangenen Monate zurückschauen. Diese Sichtweise muss man wieder herstellen, denn jeder ist mehr wert, als sein letztes Resultat. Diese Sichtweise gibt einem Perspektive, auch wenn es in diesem Match nicht gelungen sein sollte sein ganzes Potential abzurufen. Mentaltraining ist aber keine Zauberei. Nein, wie jedes Training basiert es auf harter Arbeit.

Wie hat sich das Mentaltraining im Sport in den vergangenen Jahren entwickelt?

Es ist klar, dass das Mentaltraining im Leistungssport immer stärker und wichtiger wird. Genau so wie im Berufsleben Coaching boomt – also quasi dem Mentaltraining für die Mitarbeitenden, um sie vor drohenden Burnouts zu schützen oder um zu lernen mit Stress- oder Drucksituationen umzugehen – wird wohl in naher Zukunft die Arbeit des Sportpsychologen bei jedem Team oder Einzelsportler dazu gehören. Von der Ausbildungsphilosophie her müsste Mentaltraining präventiv zu jeder Persönlichkeitsschulung dazugehören.
Das Mentaltraining ist wie ein Konditionstraining für den Kopf. Als vierter Teil eines ganzheitlichen Trainings gehört die psychologische Komponente neben Technik, Taktik und Kondition einfach dazu. Oft hört man nach Niederlagen die Aussage: „… war im Kopf nicht parat.“ Aber wenn der Kopf nicht trainiert wird, kann man ihm eigentlich auch nicht die Schuld geben.

Anmeldung für das Tenniscamp mit Schwerpunkt Mentaltraining vom Juli 2016

 

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